Nach der Halbzeit: Zwischenfazit zur Reise

Mein Zwischenfazit: Ich bin richtig froh, diese Tour zu machen. 


Mit dem Fahrrad zu reisen ist eine Sache für sich und das wird nicht meine letzte Reise in dieser Art gewesen sein. Man sieht so viel, man ist viel in der Natur, man macht sehr viel Sport, man trifft viele Menschen. Aber nicht nur erlebnismäßig bringt mir die Tour viel, sondern auch auf persönlicher Ebene. 


Ich würde sagen, die Tour hat mich gestärkt. Es ist schon sehr empowernd, als Frau alleine so etwas zu unternehmen. Vordergründig natürlich, alleine zu reisen. Ich denke aber, es ist nochmal weniger selbstverständlich, als Frau alleine zu reisen. Ich lasse mich auch in meinem Alltag ganz bewusst nicht von Sachen abhalten, die für viele Männer evtl. selbstverständlich sind. Unbewusst tue ich das bestimmt aber schon. Und ich hoffe, jetzt werde ich das auch noch weniger tun. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt auf dem Weg. Mir kam vor der Reise oft die Reaktion entgegen: Wie, ganz alleine? Hast du da keine Angst? Bisher hatte ich tatsächlich nur einmal wirklich Angst, und das war vor einem Gewitter.


Ich glaube auch, ich bin noch viel selbstständiger geworden, als eh schon. Ich muss meinen ganzen Kram hier halt auch alleine auf die Reihe kriegen, alle Entscheidungen selber treffen und alle Probleme selber lösen. Ich hatte mir das aber anstrengender vorgestellt, muss ich sagen. Ich bin selbst von mir überrascht, dass ich so eine Macherin bin die ganze Zeit hier 😅 Interessant finde ich auch, wie ich die ganzen Widrigkeiten einfach hinnehme, ohne zu heulen oder den Kopf in den Sand zu stecken. Würde ich zuhause nicht so machen. Naja, wenn man muss, dann gewöhnt man sich wohl an alles. 


Kommen wir zur nächsten Erfahrung: Die Reise hat mir ein Stück weit das Vertrauen in die Menschheit zurückgegeben. Ich habe so viele positive Erfahrungen mit anderen Menschen auf der Reise gemacht. Eigentlich gab es nur wenige Ausnahmen: Rücksichtslose Autofahrer und zwei creepy alte Männer (ein Betrunkener in Deutschland, der mich komisch von der Seite angelabert hat und ein komischer Typ im Supermarkt in Frankreich). Ansonsten bin ich von der Güte, Herzlichkeit, Freundlichkeit und der Gastfreundschaft nach wie vor überwältigt. Am Anfang hatte ich auch richtig viel Angst, dass mir Sachen geklaut werden. Das habe ich mittlerweile gar nicht mehr. Da muss ich aufpassen, dass ich nicht zu unvorsichtig werde.


In praktischer und planerischer Hinsicht gibt es ein paar Sachen, die ich nochmal so machen würde und ein paar Sachen, die ich nicht nochmal so machen würde.


Zu den Dingen, die ich nochmal so machen würde, zählt auf jeden Fall, mir ein Gravelbike zu holen. Die ganzen Kies-, Schotter- und Feldwege wären mit einem anderen Rad wohl schwieriger gewesen. Was ich auch definitiv nochmal so machen würde, ist so viel zu zelten. Das Naturerlebnis in der Kombination von Fahrradfahren und Zelten ist einfach grandios, ich bin quasi dauerhaft draußen. Außerdem würde ich auch auf jeden Fall Campspace nochmal nutzen, damit habe ich wahnsinnig tolle Erfahrungen gemacht.


Was ich bei einer nächsten Tour anders machen würde (hatte ich ja auch schon mal angedeutet), wäre, spontaner zu bleiben und mir kein festes Ziel zu setzen. So kann man die Reise wahrscheinlich noch mehr genießen. Auch würde ich keine Touren mehr über 100km planen, ohne zu wissen, wie das Wetter ist. Zuletzt würde ich wohl noch weniger Klamotten mitnehmen. Außerdem würde ich Google Maps für gar nichts verwenden, wenn ich nicht vorher den Weg in der Satellitenansicht gecheckt habe.


Alles in allem bin ich wie gesagt wahnsinnig froh, dass ich diese verrückte Idee hatte. Und würde ich meinen Freund nicht so vermissen und hätte ein bisschen mehr Geld, könnte ich dieses Leben glaube ich noch einige Monate so weiterführen. Ich freue mich jetzt auf den zweiten Teil der Reise durch Spanien und bin gleichzeitig ein bisschen traurig, dass die Zeit so rast und die Tour in ca. 2,5 Wochen schon vorbei ist.

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