Tag 16/17/18 - Saint Andiol bis Toulouse - ca. 430km

Nach einem letzten gemeinsamen Frühstück in Saint Andiol ging es für mich an Tag 16 weiter Richtung Cournonsec in der Nähe von Montpellier. Streckenmäßig hatte ich mir auch wieder einiges vorgenommen (planmäßig ca. 145km, am Ende waren es wohl eher 155km). Es ging kaum über Fahrradwege, sondern viel über Landstraßen und übers Feld. Es war sehr warm und ich bin in Saint Andiol später losgekommen als geplant, weshalb ich mich ein bisschen beeilen musste. Das hat sich auf den ganzen Feldwegen aber als äußerst schwierig gestaltet. Meine Motivation an dem Tag war aber auf jeden Fall, dass ich das Mittelmeer erreichen würde. Der Gedanke daran hat mich auch schnell über die Wege fahren lassen. Ich war gerade schon wieder dabei, mich über einen schlechten Fahrradweg zu ärgern, als auf einmal ein Dutzend Pferde vor mir stand, ich vermute Camargue-Pferde, die in dem Gebiet halbwild leben. Ich wusste, dass es dort Wildpferde gibt, aber hatte nicht damit gerechnet, ihnen zu begegnen. Da ich ja schon viel mit Pferden zu tun hatte und weiß, wie schreckhaft sie normalerweise sind, habe ich damit gerechnet, dass sie wild weg galoppieren und ein Chaos ausbricht, wenn ich mein Fahrrad vorbeischiebe. Das Gegenteil war der Fall. Ich habe mein Fahrrad vorsichtig zwischen den Pferden durchgeschoben und sie haben mich nur angeschaut und weiter gegrast.

Wie auch schon die Tage und Wochen davor ging es viel am Kanal entlang.

Irgendwann habe ich dann tatsächlich das Mittelmeer erreicht und mich sehr darüber gefreut und mein Mittagessen am Strand verzehrt.

Die Freude hielt nicht lange an, da neue Hindernisse auf mich zukamen. 

Die Straßenführung am Strand war sehr unübersichtlich und ich bin versehentlich auf einer Schnellstraße gelandet, auf der man mit dem Fahrrad eigentlich nicht fahren durfte. Ich habe schon ein bisschen Angst bekommen und habe mich dazu entschieden, an die Seite zu fahren und mich durch den Wald durchzuschlagen. Ich habe die Taschen abgemacht und erst sie einzeln und anschließend das Fahrrad den Hügel heruntergetragen. Zum Glück war der nächste Weg nicht weit entfernt. Dann ging es wieder über viele schlechte Straßen, Feldwege und Schotter weiter Richtung Cournonsec, wo ich schließlich gegen 21 Uhr ankam. Ich wurde von meiner Gastgeberin Marion herzlich begrüßt, trotz dessen, dass ich mit zwei Stunden Verspätung auflief. Sie hat auf dem Gelände ein Reittherapiezentrum errichtet und an dem Abend eine kleine Party für ihre Freunde und freiwilligen Helfer dort veranstaltet und mich dazu eingeladen. Nachdem ich mein Zelt in dieser gemütlichen Ecke aufgebaut hatte, habe ich dort nochmal vorbeigeschaut.

Die Leute auf der Party waren alle super lieb und ich habe mit ihnen zusammen Wein getrunken und mich unterhalten. Mein Französisch wird besser und besser, mittlerweile rede ich einfach drauf los. Viele von den Leuten dort waren Künstler und alle auf jeden Fall ziemliche Ökos (wie ihr wisst, meine ich das positiv). Ich habe leider alle Namen vergessen. Besonders faszinierend fand ich eine Frau, die erzählt hat, dass sie auf einem Grundstück in einem Bus lebt, zusammen mit ihren Pferden (also die nicht im Bus) und ein möglichst nachhaltiges, autonomes Leben anstrebt. Da die Sonne genug scheint, hat sie Strom, sie hat einen großen Gemüsegarten und liebt ihr Leben dort. Ich wurde dann noch eingeladen, am nächsten Tag mit der Gruppe zum See zu gehen und zu picknicken - die Einladung musste ich aber leider ausschlagen, weil ich weiterwollte. Bei der nächsten Radtour werde ich versuchen, flexibler hinsichtlich der Planung zu bleiben, aber irgendwie konnte ich das dieses Mal noch nicht so gut, weil es mir Angst gemacht hat, nicht zu wissen, wo ich am nächsten Tag übernachte. In Frankreich ist das aber kein Problem, notfalls geht man auf einen der unzähligen Campingplätze. Beim nächsten Mal werde ich mir denke ich gar kein festes Ziel setzen und einfach losfahren.


Am nächsten Tag (17) bin ich früh aufgestanden, weil mich wieder eine ordentliche Strecke ohne viele Fahrradwege nach Carcassonne erwartet hat. Es war ultra warm, sehr staubig und ich wollte dieses Mal unbedingt pünktlich sein, auch, weil meine Gastgeberin abends noch wegwollte. Ich bin nur gefahren und gefahren. Der Gegenwind auf dem freien Feld war heftig und zermürbend. Ich dachte mir nach 75km, für die ich viel länger als sonst gebraucht habe, Mist, jetzt noch mindestens vier Stunden Fahrradfahren. Fühlt man sich so beim Ironman? 😅 Ich will mich hier nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber der Tag hat mir einiges abverlangt und ich habe keine wirklichen Pausen gemacht. Ich habe versucht mich selber zu motivieren, weiter zu machen und im Rhythmus zu bleiben. Ich habe an schöne Sachen gedacht, zB daran, Jonas bald wiederzusehen. Dann habe ich bestimmt eine Stunde lang einfach nur stumpf gezählt, immer im 4er Takt der Pedaltritte. „Eins, zwei, drei, vier, eins, zwei, drei, vier.“ Irgendwann war ich kurz vorm heulen und körperlich auch an meiner Grenze. Das war anstrengender als der Marathon mit dem Wind. Ca. 5km vorm Ziel habe ich dann auf einmal Nasenbluten bekommen (erst hatte ich Angst, dass es vor Anstrengung war, aber ich denke es lag am Staub) und musste warten, bis es vorüber war. Ich war so froh, als ich in Carcassonne ankam. Lisette, meine Gastgeberin hat mir noch alles gezeigt und ist dann zu ihrer Verabredung losgedüst. Ihr Garten war echt schön und ich hatte den Keller mit eigenen Sanitäranlagen für mich.

Ich habe mein Zelt aufgebaut, gekocht, die Landschaft bewundert und mich gefragt, was sich da hinten für eine Wolke zusammenbraut. 

Die Frage wurde mir dann beantwortet, als es dunkel war: Auf einmal flackerte es ständig in der Wolke (aber ohne Donner). Ich dachte erst, ich halluziniere. Ich habe dann gegoogelt und die Antwort gefunden: Ich hatte gerade ein Wetterleuchten beobachtet. Auf dem Foto erkennt man es natürlich nicht so gut wie in echt, aber man sieht das Licht ein bisschen.

An Tag 18 ging es weiter nach Toulouse, wieder ca. 120km, das waren also drei heftige Tage. Solche Gewaltstrecken mache ich jetzt nicht mehr.

Zunächst bin ich nochmal kurz nach Carcassonne reingefahren. Ich war aber auch vor 11 Jahren auf Studienfahrt schon mal dort. Dann ging es hauptsächlich an Feldern und am Kanal entlang. Letzteres ist immer eine Wohltat, da es dort Schatten gibt. Die letzten 60km waren asphaltiert und es hat richtig Spaß In Toulouse habe ich mitten in der Stadt im Garten von Laurent gezeltet. Er ist Biologe, arbeitet im Labor und hat einen ganz wunderbaren Garten mit Hühnern, vielen Pflanzen und einer kleinen Fläche, auf der er Wanderer und Radreisende zelten lässt. Er selber liebt es, mitten im Wald zu zelten. Wir haben viele interessante Gespräche geführt, auch über Musik - er spielt Cembalo und Orgel und liebt Bach. Er war sehr geduldig mit meinem Französisch und ich habe noch mehr lernen können, weil er auch ein wenig Deutsch konnte - wenn mir einzelne Worte gefehlt haben, habe ich sie auf deutsch gesagt und er hat sie mir auf Französisch übersetzt.

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